Ein Haus aus Bambus, dessen Dach sich weit über die Landschaft spannt. Eine kleine Solarlampe, mit der man ein Stück Sonnenenergie in der Hand hält. Jemand, der jahrelang mit Pflanzenfasern experimentiert, bis daraus vielleicht ein Stoff für unsere Kleidung wird. Bei solchen Entdeckungen wollen wir mehr wissen. Wie kommt man darauf? Und warum wird das nicht längst ganz anders gemacht?
Lilli Green verbindet Design und Nachhaltigkeit, im Lilli Green Magazin und im Lilli Green Shop. Seit 2008 erzählen wir von Menschen, Projekten und Ideen, die unsere gebaute und gestaltete Welt verändern. Nachhaltiges Design bedeutet für uns, beim Entwerfen die ökologischen und sozialen Folgen mitzudenken: woher Rohstoffe kommen, wie etwas hergestellt und benutzt wird und was davon bleibt. Dazu gehört auch die Frage, wie viel wir überhaupt brauchen.
Uns beschäftigt, wie wir leben wollen. Welche Dinge uns begleiten, wie unsere Häuser aussehen, welchen Raum wir anderen Lebewesen lassen. Es gibt noch so viel anders zu machen!
Als Lilli Green entstand, hatte „Öko“ vielerorts noch ein ziemlich angestaubtes Image. Junge Labels für nachhaltige Mode und Designstudios wollten das ändern. Auf Laufstegen, in Werkstätten und bei Architekturausstellungen konnte man erleben, wie viel gestalterische Lust in dieser Bewegung steckte. Verantwortung für die Welt übernehmen und dabei etwas Aufregendes schaffen: Das wollten wir sehen und dem eine Bühne geben.
Diese Lust ist geblieben. Ein Entwurf darf ungewöhnlich sein, verlockend, auch mal ein bisschen verrückt. Wer sich in eine Leuchte verliebt, möchte vielleicht erfahren, wie sie entstanden ist. Und entdeckt dabei eine Geschichte, die weit über den eigenen Nachttisch hinausreicht.
Mit Little Sun hat Ólafur Elíasson gezeigt, wie eine kleine Solarlampe zum Kunstprojekt werden kann. Lichtgestaltung, Solartechnik und der Zugang zu Strom kamen in einem Gegenstand zusammen, den man in die Tasche stecken konnte. So etwas gefällt uns. Es macht eine große Frage plötzlich greifbar.
Ethik und Ästhetik gehören für uns zusammen. Deshalb endet die Betrachtung eines schönen Holzmöbels auch nicht an seiner Oberfläche. Der Wald, aus dem das Holz stammt, gehört zu seiner Geschichte. Bei einem Stoff sind es der Anbau, das Färben, die Arbeit der Menschen. Man muss einem Gegenstand all das nicht ansehen können. Wissen möchten wir es trotzdem.
Unter unseren Füßen, in abgestorbenem Holz, zwischen Rinde und Moos lebt eine Welt, von der wir beim Waldspaziergang nur wenig mitbekommen. Ein Wald ist viel mehr als ein Vorrat an nachwachsendem Holz. Er ist Lebensraum, und manches darin braucht vor allem Zeit und Ruhe.
Naturschutz, Biodiversität und Ökologie gehören deshalb mitten in unser Verständnis von nachhaltigem Design. Klimawandel und Ressourcenverbrauch beschäftigen uns ebenso wie Böden, Gewässer und die Folgen von Schadstoffen. Eine CO₂-Bilanz kann wichtige Zusammenhänge zeigen. Ob ein Lebensraum erhalten bleibt, lässt sich daraus allein nicht ablesen.
Auch die Frage, welchen Wert wir anderen Lebewesen unabhängig von ihrem Nutzen für uns zugestehen, geht uns etwas an. In unseren Kunstbeiträgen begegnet sie uns immer wieder. Land Art arbeitet mit Wind, Wasser und Vergänglichkeit. Street Art gibt bedrohten Tieren mitten in der Stadt eine Präsenz. Im Gespräch mit Louis Masai führen Tiermalereien zu Artensterben, Besitzdenken und der Geschichte vom eigenen Lieblingsbaum.
Bei Renaturierung und Rewilding wird unser gewohnter Gestaltungswille auf die Probe gestellt. Manchmal müssen Eingriffe rückgängig gemacht werden, damit sich ein Lebensraum erholen kann. Manchmal braucht es Unterstützung und danach weniger Kontrolle. Vielleicht ist das auch eine Form von „Undesign“? In einer zunehmend geregelten Welt finden wir den Gedanken ziemlich anregend.
Ein Reststoff ist noch kein brauchbarer Werkstoff. Bis aus einer Pflanzenfaser ein belastbares Gewebe entsteht, können Jahre vergehen. Eine Beschichtung macht das Material haltbarer, erschwert aber womöglich seine spätere Wiederverwertung. Im Labor funktioniert etwas wunderbar, bei der Herstellung größerer Mengen tauchen neue Probleme auf.
Wir berichten gerne über Menschen, die sich davon nicht gleich abbringen lassen. Die weiterforschen, Versuche wiederholen und dabei etwas entdecken, das sie selbst nicht erwartet hatten. Die Arbeit an Materialien und Materialexperimenten hat viel mit Ausdauer zu tun. Und mit einem genauen Blick auf das, was andere für wertlos halten.
Ebenso interessieren uns Handwerkswissen und alte Bautechniken, mit denen sich heute weiterarbeiten lässt. In unseren Beiträgen über nachhaltige Architektur wird das besonders anschaulich: geschwungene Bambuskonstruktionen, Räume aus Lehm, Häuser mit Stroh in den Wänden. Beeindruckend, was sich aus diesen Materialien bauen lässt.
Natürlich ist ein Naturmaterial nicht automatisch die beste Wahl. Herkunft, Anbau, Verarbeitung und benötigte Mengen zählen auch bei Holz, Baumwolle oder Bambus. Ein Experiment wiederum darf erst einmal offenbleiben. Wir müssen aus einem interessanten Prototyp nicht sofort die Zukunft einer ganzen Branche ausrufen. Wie jemand an einer ungelösten Frage arbeitet, kann schon eine gute Geschichte sein.
Eine Trinkflasche kann noch völlig in Ordnung sein, während ihr Verschluss nicht mehr dicht hält. Gibt es die passende Dichtung einzeln, lässt sie sich womöglich noch lange benutzen. Fehlt dieses kleine Teil, hilft das schönste Design wenig.
Solche Überlegungen gehören an den Anfang der Produktentwicklung. Circular Design beschäftigt sich mit Reparatur, Wiederverwendung und Konstruktionen, die sich wieder auseinandernehmen lassen. Auch Upcycling eröffnet Möglichkeiten, vorhandene Materialien weiterzuverwenden. Konzepte wie Cradle to Cradle untersuchen, wie Materialien in biologischen oder technischen Kreisläufen geführt werden können. Ob das später funktioniert, hängt auch von Sammlung, Rücknahme und Verarbeitung ab. Mit einem Recyclinganteil ist die Arbeit noch nicht getan.
Manchmal braucht es vor allem ein gutes Angebot in der Nachbarschaft. Der A-GAIN GUIDE hilft dabei, Möglichkeiten zur Reparatur und Weiterverwendung von Kleidung zu finden. Dahinter stehen Menschen, die nähen, ändern und ausbessern können. Ihre Arbeit verdient Wertschätzung und eine Bezahlung, von der sie leben können.
Auch die eigenen Hände lassen sich gebrauchen. Selbermachen, reparieren, nachfüllen, teilen: Vieles beginnt mit Dingen, die längst da sind. Zero Waste bringt uns dazu, die alltäglichen Müllberge genauer anzuschauen. Manches lässt sich erstaunlich einfach ändern. Und die Freude, etwas selbst wieder hinbekommen zu haben, gibt es obendrauf.
Ein Haus kann wenig Energie benötigen und trotzdem für viele unbezahlbar sein. Eine Reparatur kann technisch möglich sein, während der nächste Betrieb dafür weit entfernt liegt. Wer bewusster leben möchte, braucht neben dem eigenen Willen auch Zeit, Geld und erreichbare Angebote.
Deshalb gehören soziale Fragen zu nachhaltigem Design. Uns interessieren faire Arbeitsbedingungen und die Mitbestimmung der Menschen, die etwas herstellen. Soziale Werkstätten, gemeinschaftliche Wohnprojekte und Initiativen, die ihr Wissen teilen, öffnen jeweils andere Möglichkeiten. Gestaltung kann Menschen zusammenbringen und ihnen helfen, selbst etwas in die Hand zu nehmen.
Auch Unternehmen und Politik gestalten unseren Alltag mit. Geschäftsmodelle beeinflussen, ob sich Reparatur lohnt. Öffentliche Verkehrsmittel verändern unsere Möglichkeiten zu reisen. Investitionen entscheiden mit darüber, welche Technologien entwickelt und welche Gebäude gebaut werden. Unser Blick reicht deshalb vom einzelnen Produkt bis zu den wirtschaftlichen Bedingungen dahinter.
Ein bewusster Lebensstil muss dabei kein Wettbewerb um die makelloseste Lebensführung werden. Uns interessieren Wege, die im Alltag etwas verändern und auf denen auch andere mitgehen können.
Bio, Fair Trade, Recyclingmaterial oder regionale Herstellung stehen für unterschiedliche Eigenschaften und Ansätze. Siegel können bei der Einordnung helfen. Dafür muss klar sein, was sie erfassen, wer die Einhaltung prüft und für welchen Teil eines Produkts oder seiner Herstellung sie gelten. Ein einzelner Nachweis beantwortet selten sämtliche Fragen.
Ähnlich geht es uns mit Umweltversprechen und dem oft verwendeten Begriff „Impact“. Was verändert sich tatsächlich? Im Vergleich wozu? Eine Absicht, ein Versuch und ein nachgewiesenes Ergebnis sind verschiedene Dinge.
Im Magazin haben wir die Freiheit, unterschiedliche Wege zu erkunden. Wir können eine technische Entwicklung spannend finden und uns im nächsten Beitrag mit einer verblüffend einfachen Lösung beschäftigen. Manche Ansätze widersprechen einander. Das gehört zu einem Feld, in dem vieles in Bewegung ist.
Unsere Neugier verlangt keine fertige Antwort. Wohl aber die Bereitschaft, genauer hinzusehen. Auch bei Ideen, die uns auf Anhieb gefallen.
Im Lilli Green Shop führen wir diese Überlegungen bei der Auswahl von Designprodukten und Geschenkideen weiter. Je nach Produkt sprechen unterschiedliche Eigenschaften dafür: Es kann Einwegprodukte ersetzen, besitzt austauschbare Teile, enthält Recyclingmaterial oder wird in einer sozialen Werkstatt gefertigt. Gestaltung und Gebrauch müssen uns ebenfalls überzeugen. Wir möchten Dinge anbieten, die man gerne benutzt und behält.
Dabei schauen wir auch auf die Unternehmen hinter den Produkten. Welchen Anspruch verfolgen sie, und wie zeigt er sich in Materialwahl, Herstellung und Arbeitsweise? Ein einzelnes grün beworbenes Produkt erzählt darüber noch wenig. Unsere Auswahl beruht auf unterschiedlichen Gründen; nicht jeder Gegenstand erfüllt sämtliche Kriterien.
Nachhaltiges Design beschäftigt uns an der Werkbank und auf dem Laufsteg, beim Wohnen, Essen und Unterwegssein. Manchmal begegnet es uns als ausgeklügelte Konstruktion, manchmal als Idee, durch die wir mit weniger auskommen. Und gelegentlich führt es uns an einen Ort, an dem wir erst einmal stehen bleiben und staunen.
Solche Entdeckungen teilen wir bei Lilli Green. Für uns gehört die Freude an Gestaltung zu dem Wunsch, sorgsamer mit der Welt umzugehen. Eine schöne Welt braucht schließlich auch saubere Flüsse!