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Wrap-Rage! – Frust beim Auspacken

Den Frust beim Auspacken kennt jeder und er hat einen Namen: Wrap-Rage!

Weihnachten werden wir sie wieder am eigenen Leibe erfahren: hermetische Clam-Shell-Verpackungen aus Plastik, denen mit Fingernägeln und Zähnen zu Leibe gerückt werden muss, Drahtbefestigungen, die Spielzeug untrennbar mit Pappen verdrillen; verklebte, ineinandergegossene Plastikbühnen für die Momente unterm Baum. Und obwohl wir wissen, wie wichtig eine gelungene Inszenierung im Regal ist, nerven die Kleber, Drahtschlingen, Kabelbinder und messerscharfen Kanten von Plastikverpackungen. Besonders Spielzeug und Elektronik wird gerne in den transparenten Kunststoff-Gehäusen angeboten.

Glücklicherweise gibt es aber auch Branchen, in denen der Auftritt der Ware im Regal nebensächlich ist, nämlich den Versandhandel. Amazon.com beispielsweise hat sich mit dem Phänomen Wrap-Rage befasst und schon vor einigen Jahren einen ersten kleinen Schritt in die richtige Richtung gemacht.

Amazon-Chef Jeff Bezos sprach vor dem Weihnachtsgeschäft 2009 in einem offenen Brief an seine Kunden die Unmengen von Verpackungen an, die zwar im Regal gut aussehen, aber beim Kunden Frust und Wut hervorrufen. Bei Amazon sollten nun sukzessive einfache Kartonagen, so genannte „Frust-Free“-Verpackungen, zum Einsatz kommen. Sie sind ohne Werkzeuge und weitere Verletzungsgefahr zu öffnen. Nebenbei sparen die voll recyclebaren Amazon-Kartonagen auch Energie und Rohstoffe, da sie die aufwändigeren Originalverpackungen ersetzen.  Auf der Website amazon.com/frustration-free findet man eine Übersicht der Produkte, die in Zusammenarbeit mit den Herstellern vereinfachte „Frustration-free“ Verpackungen erhalten haben. Auf der US-Seite sind das mittlerweile über 1000 Produkte, auf Amazon.de enttäuschend wenige.

Eine zeitlang gab es auf den Amazon-Seiten sogar die Möglichkeit, eigene „Wrap-Rage“-Bilder und Videos beizusteuern. In diesen schilderten die amerikanischen Verbraucher eigene – zum Teil schmerzhafte – Erfahrungen mit komplizierten Verpackungen.

Wir Konsumenten haben mittlerweile ein wachsendes Bewusstsein nicht nur für schwierige Verpackungen, sondern auch für das Zuviel an Verpackung entwickelt. Ein frustrierter Auspacker in einem der Wrap-Rage-Filme sprach uns allen aus der Seele: “Das ist die Puppe, die meine Tochter zu Weihnachten bekommen hat. Und das ist die Sauerei aus Drahtbindern, Klebestreifen und Verpackung auf der Rückseite. Die Verbraucher sind dem Hersteller völlig egal!“

Aus der ursprünglichen ‚Wrap-Rage-Community’ ist mittlerweile eine große Plattform für Verpackungs-Feedback bei Amazon.com geworden und es geht dort auch nicht mehr nur um den Faktor Überverpackung, sondern auch die Schwächen der abgespeckten ‚Frust-Free’-Version. Besonders wenn das Produkt aus der Kiste gefallen ist, was schon mal vorkommt, oder ramponiert beim Kunden ankommt regen sich im Forum die Gemüter.

Fazit: Auf das Maß der Verpackung kommt es eben an. Wenn die Sparverpackung aus recycletem Karton versagt, stehen durch endlose Reklamationen unsere Konsumenten-Nerven wieder unter Strom. Ressourcenschonend sind diese doppelten Wege obendrein nicht. Eine gelungene Verpackung kann beides: Sie schüzt das Produkt bei geringem Materialaufwand und lässt sich leicht – aber eben nicht zu leicht – öffnen. Wie eine gute Weihnachtsüberraschung eben.

(Autor: Birgit S. Bauer ist Autorin und Herausgeberin der Diskurs-Plattform designkritik,
die sich für die Vermittlung von Designtheorie und -kritik stark macht. www.
designkritik.dk)

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