Design Materialien

Studenten entwerfen nachhaltige Verpackungskonzepte

„Für Nachhaltigkeit gibt es bisher keine absoluten Maßstäbe“

sagt Prof. Schwarz-Raacke, Professorin für Produkt-Design an der renommierten Kunsthochschule Berlin-Weissensee. Deshalb sei es auch so schwer, von „nachhaltigem Design“ zu sprechen. Einen Anfang machten die 14 beteiligten Studierenden eines Semesterprojektes der Professorin. Beim exemplarischen Entwerfen für eine lokale Bio-Molkerei lernten die Jung-Designer dass ökologisch sinnvolle Verpackung für Milchprodukte weit mehr ist als lustiges Kuh-Dekor und Bio-Siegel.

Das Thema Nachhaltigkeit steht in Weissensee ganz oben auf der Agenda, auch deshalb diente der Demeter-Betrieb „Ökodorf Brodowin“ als Anschauungsobjekt und Projektpartner. Er liegt ca. 60 km nördlich von Berlin im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin und stillt mit 300 Milchkühen und 56 Mitarbeitern zumindest zu einem kleinen Teil den rasant steigenden Durst der Berliner nach Bio-Milch. 1,5 Millionen Liter/Jahr mit steigender Tendenz werden nach den strengen Demeter-Maßstäben erzeugt. Und es könnte noch mehr sein – die Verbraucher im Ballungsraum Berlin konsumieren jährlich 20 Millionen Liter (Quelle: taz) Biomilch, deshalb investieren jetzt viele Milch verarbeitenden Betriebe in Brandenburg in den Bio-Markt. Sie wollen aber ein Wachstum, das den bewussten Umgang mit Resourcen berücksichtigt und dies für die Kundschaft buchstäblich begreifbar macht. In Brodowin ermöglicht das unter anderem die „Schaumolkerei“, in der interessierte Besucher im Rahmen von Workshops Käse selbst herstellen können.

Das Reduzieren von Verpackung war die erste Entwurfsregel, denn der Käse ist bereits mit einer stabilen, schützenden Wachsschicht überzogen. Die Entwürfe sparen Rohstoffe wie und sehen die Verwendung von natürlichen, vor Ort verfügbaren Stoffen vor. Heu ist der Werkstoff, der in dem Konzept von Ferdinand Lindner zum Star wird: Er hat das Material im Verbund mit Soja-Wachs zu einem erstaunlich festen, weiter verwendbaren Schälchen gepresst. In zahllosen Experimenten hat sich Lindner auch mit weiteren Ausgangsmaterialien, beispielsweise Laub, befasst und unterschiedliche ästhetische Wirkungen damit erzielt. Virginia Binsch hat mit ihrem Design „Blütezeit“ die Verpackung in ein neues Konsumritual umgedeutet: Deren blütenhaft auffächernde Elemente sind essbar geplant und sollen in Form von Crackern gleich mit dem Käse verspeist werden.

Auch bereits bestehende Verpackungskonzepte für Milch wurden kritisch überarbeitet: Yunjin Zhaos Entwurf verbessert wabbelige Schlauchverpackungen durch ein Bag-in-Box-System. Ihr Konzept löst Probleme der Handhabung des Schlauches und wäre eine Alternative zu schwer recyclebaren Verbundkartons. Die Zweitnutzung von Verpackungen, besonders derjenigen, die nicht wie Milch-Glaspfandflaschen durch Rücknahmesysteme erfasst sind, z.B. Deckel, brachte faszinierende Ideen hervor. Vorgestanzte Sollbruchstellen an herkömmlichen Blech-Schraubdeckeln und Kronenkorken sind der Clou an Fei Kongs „Tools & Toys“ Entwurf. Die Deckel können so nach Gebrauch mit trickreich umgeformt werden und z.B. als Klebestreifen-Abroller, Streuaufsatz, Tütenverschluss, Zettelhalter, Löffelhalter, Raspel, Steckspielzeug usw. ein zweites Leben beginnen.

„Designer müssen in größeren Zusammenhängen denken“ erklärt Prof. Schwarz-Raacke „In dieser Übung wurde beispielsweise viel über regionale Materialflüsse und die Einsatzmöglichkeiten von nachhaltigen Materialien gelernt“. Denn nachhaltig zu denken bedeute auch, die gesamte Kette – von der Herstellung bis zur Entsorgung – gestalten. Die sinnlichen Qualtiäten der Verpackungen sind jedoch nicht unwichtig: „Die Wertigkeit der Lebensmittel zu betonen, war ein Ziel unserer Design-Übung“ erläutert Prof. Schwarz-Raacke. Langsamer, bewusster Genuss, so haben die Designstudenten gelernt, hebt das Bewusstsein für die Qualität von sorgfältig hergestellten Lebensmitteln.

Webseite > www.kh-berlin.de/

(Autor: Birgit S. Bauer ist Autorin und Herausgeberin der Diskurs-Plattform designkritik,
die sich für die Vermittlung von Designtheorie und -kritik stark macht.)
www.
designkritik.dk

 

1 Comment so far

  1. Die Verpackung mit den gepressten Gräsern und Blättern ist genial. Hat sich schon jemand um die Produzierbarkeit gekümmert?

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