Über Lilli Green

Pilzholz Röhrenschicht Querschnitt mit Schinkenmesser geschnitten

Die wunderbare Entdeckung des Zunderschwamms

Der Zunderschwamm ist ein mehr oder weniger vergessener Rohstoff. Einige Leute wissen noch, dass die Fasern des Pilzes früher zum Feuermachen verwendet wurden. Dass daraus aber auch Textilien entstanden, ist weniger bekannt. Und diesem „Wunderschwamm“ wurden sogar Heilkräfte nachgesagt.

Die Textil- und Flächendesignerin Nina Fabert hat intensiv über die Verarbeitung und Nutzung des Pilzes recherchiert und sich mit dem alten Handwerk auseinandergesetzt. Daraus entstanden neue Möglichkeiten der Nutzung dieses unglaublich vielseitigen Materials. Die Pilze erntete sie direkt von den Bäumen im Wald. Wir sprachen mit Nina Fabert über Pilzernte und Zunderschwamm-Mode.

Wie haben Sie den Zunderschwamm entdeckt?

Fabert: Die neuesten Entwicklungen vieler Designer, die die Natur nicht mehr nur kopieren, sondern mir ihr co-konstruieren, hat mich auf das Thema Pilze aufmerksam gemacht. Ich wollte mehr über unsere heimischen Pilze erfahren und begann mich in viele Bereiche, wie der Biotechnologie, Pilzzucht, Mythologie und Heilkunde einzuarbeiten. Erst während einiger Materialversuche aus verschiedensten Pilzen ist mir der Zunderschwamm (lat.: Fomes Fomentarius) aufgefallen. Beim zerlegen des Baumpilzes zeigten sich holzige aber auch samtige Texturen, deren weiche Haptik ich mit nichts vergleichen könnte. Ab da konzentriere ich mich in meiner Masterarbeit nur noch auf den Zunderschwamm. Ich war überrascht, dass der Zunderschwamm eigentlich schon vor Jahrhunderten genau wegen dieser Fasern bekannt wurde aber heute nur noch wenig dazu dokumentiert ist.

Welche Anwendungen der Faser gab es früher?

Fabert: Erste Funde des Zunderschwamms stammen aus der Jungsteinzeit. Nachgewiesen wurde seine Verwendung als Funkenfänger und er wurde zum Transportieren von Feuer benutzt, woher der Pilz auch seinen Namen bekam. Er wurde zum wichtigen Helfer des täglichen Lebens in Dorf und Stadt. Aus der steigenden Nachfrage entwickelte sich im 18. Jahrhundert in Deutschland eine ganze Zunderschwammindustrie. Im kleinen Ort Neustadt am Rennsteig gehörte die Zunderschwammherstellung schon seit ca. 1700 zur Einnahmequelle der Dorfbewohner. Dort gibt es noch wenige Aufzeichnungen zur Herstellung des Zunders. Bis ins 19. Jahrhundert wurde die Trama (Pilzleder) in Apotheken als blutstillende Wundauflage unter der Bezeichnung Fungus Chirurgum (sog. Wundschwamm) verkauft. Besonders große Trama-Stücken wurden sogar zu Kleidungsstücken verarbeitet. In manchen rumänischen Gegenden werden heute noch Kappen zum Kauf an Touristen angeboten.

Was für Qualitäten hat das „Pilzleder“?

Fabert: Das Pilzleder wird aus der Trama-Schicht des Pilzes Fruchtkörpers gewonnen. Der eigentliche Pilz befindet sich im Baum und baut dort wichtige Bestandteile zu Stabilität des Baumes ab. Ich verwende also die für uns sichtbaren Fruchtkörper. Unter der harten Schale des Zunderschwamms befindet sich die Trama-Schicht. Sie besteht aus dicht gewachsenen kurzen Fasern. Trennt man diese Schicht vom restlichen Fruchtkörper erhält man das „Pilzleder“. Durch wirken und dehnen der Schicht im nassen Zustand, vergrößert sich die Oberfläche. Die Fasern werden gelockert und das Leder wird weicher. Je nach Qualität und alter des Fruchtkörpers (bis zu 30 Jahren), erhält man unterschiedlich große Stücken, die sich in Form, Farbe und Haptik, stark unterscheiden können. Ähnlich wie ein Schwamm kann es Wasser aufnehmen und speichern. Besonders ist die weiche Oberfläche, die an Wildleder und Samt erinnert.

Was für heilende Wirkungen werden den Fasern des Pilzes nachgesagt?

Fabert: Eine heilende Wirkung wurde fast immer angenommen und wenn man auch nur glaubte, dass die Zunderkleider „gesund“ seien. Heutige Forschungen bestätigen, dass die blutstillende Wirkung nicht nur durch die mechanische Wirkung des Materials als Kompresse hervorgerufen wird, sondern auch antimikrobielle Eigenschaften diesen Effekt unterstützen. Seit einigen Jahren steigt das wissenschaftliches Interesse an den traditionellen heilenden Kräften der Großpilze wieder.

Könnte das als Lederalternative für zum Beispiel Taschen oder Handschuhe in Betracht kommen?

Fabert: Ich habe in meiner Recherche auch Handtaschen aus dem Pilzleder gesehen, die im traditionellem Stil der Pilz-Hüte gefertigt wurden. Vom heutigen Standpunkt aus würde ich sagen, dass die Potentiale des Materials mit der Verwendung als Mode-Produkte nicht ausgeschöpft werden. Es gibt heute schon viele Kunstleder und veganes Leder die diesen Bereich gut abdecken. Im Hinblick auf die medizinische Wirkung der Fasern und dessen absorber Eigenschaften habe ich einen ersten Prototypen eines Handschuhs gefertigt. Dieser soll weniger eine modische und mehr ein hygienische Funktion erfüllen. So könnte man die Fasern partiell in Bekleidung für z.B. Neurodermitis-Patienten einsetzten um die Wundheilung zu fördern und Infektionen vorzubeugen.

Welche Anwendungsmöglichkeiten für Mode- oder Designprodukte sehen Sie sonst noch?

Fabert: Neben dem Wertvollen Fasern der Fruchtkörper, gibt es noch einen weiteren sehr interessanten Bestandteil, der besonders durch seine optischen Eigenschaften überzeugt. Die Röhrenschicht bildet einen großen Anteil des Pilzes und befindet sich direkt unter der Pilzlederschicht. Sie besteht aus unzähligen Röhren und bildet im Querschnitt eine Feste Gitterstruktur. Auf den ersten Blick wirkt das Material wie Holz. Schneidet man es aber in etwas dünnere Scheiben, bilden die röhren ein offenes System und man kann hindurchschauen wie bei einem Sieb. Ich habe das Material auf verschiedenste Weisen wie Holz verarbeitet und nach Möglichkeiten gesucht die Struktur zu stabilisieren. Im Verbund mit Harzen und anderen Materialien entstanden eine Reihe von Objekten, die für Schmuck, Veredelungen von verschiedensten Objekten und als Edelholz Verwendung finden können.

Wo und wie wird der Pilz geerntet?

Fabert: Die Verbreitung des Zunderschwamms erstreckt such über den ganzen Erdball. Neben Indien und Pakistan ist er vor allem in der nördlichen Hemisphäre der Erde zu finden. Das betrifft vor allem Asien, Nordamerika , Europa aber auch Nordafrika. Der Zunderschwamm wächst an Birken und Buchen, die in unseren Wäldern noch häufig vertreten sind. Das Vorkommen des Zunderschwamms ging durch die Bewirtschaftung der Wälder in Deutschland deutlich zurück. Häufig zu finden sind sie vor allem in älteren Waldbeständen, die allerdings oft geschützt sind. Mit Hilfe von verschieden Forstämtern in Berlin, bekam ich reichlich Material zum Forschen. Absehbar ist, dass der Fomes Fomentarius in Zukunft nicht mehr nur in Naturschutzgebieten zu bestaunen, sondern auch im Wald-Bild neuer Wirtschaftswälder integriert sein wird.

Mir als Designerin stellt sich die Frage, wie der Fomes Fomentarius, durch sein vielleicht bald vermehrtes Vorkommen und als Bestandteil wirtschaftlicher Waldnutzung, dann auch als Material wieder nutzbar gemacht werden kann. Im Gespräch mit einigen Förstern und Forststudenten wurde die Idee eines wechselseitigen Nutzungskonzepts begrüßt. Es gab außerdem schon Versuche den Zunderschwamm zu Kultivieren und diesen wie Speisepilze auf Substrat wachsen zu lassen. Da es aber schon ein Jahr braucht bis der Pilz Fruchtkörper ausbildet und diese nicht in der natürlichen Form und Struktur wachsen, macht es aus jetziger Sicht keinen Sinn den Zunderschwamm zu züchten.

Welche Herausforderungen gibt es, um aus dem Rohstoff ein verwendbares Material zu entwickeln?

Fabert: Es müssten Qualitätsstandards für Inhaltsstoffe, Wirksamkeit und Bezugsquellen geschaffen werden. Es macht einen großen Unterschied ob der Wirkstoff aus dem Myzel oder dem Fruchtkörper gewonnen wird und ob es sich um ein Produkt geerntet in der Natur oder aus einem kultivierten Stamm handelt. Denn auch die Aufnahme von radioaktiven Teilchen und Schadstoffen aus der Luft ist ein großes Thema für die Qualitäts- und Unbedenklichkeitsprüfung. Ich selber reinige die Fasern und die Röhrenschicht vor der Weiterverarbeitung, damit ist auch die Produktion von Sporen, die sich in der Luft ausbreiten könnten nicht mehr möglich. Eine weitere Herausforderung ist weiterhin die Beschaffung des Materials. Es müsste eine Kooperation mit Förstereien geben, die eine nachhaltige und kontrollierte Rohstoffquelle anbieten.

Wäre eine maschinelle Produktion des Materials machbar?

Fabert: Ich selber arbeite mit verschiedene Maschinen aus der Holzwirtschaft aber auch mit herkömmlichen Haushaltsgeräten um den Zunderschwamm unversehrt in seine Schichten zu zerlegen. Das rein maschinell zu bewerkstelligen halte ich für nicht möglich, da jeder Pilz eine völlig andere Form und Beschaffenheit hat, die man beim Zerlegen berücksichtigen muss. Was das Pilzleder angeht, arbeite ich daran, die Fasern erst völlig von einander zu trennen um sie dann mit Textilmaschinen und Filzmaschinen zu einem neuen Textil mit ähnlichen Eigenschaften zusammenzusetzen. Das ermöglicht mir einen viel größeren Spielraum in der Flächengestaltung und Anwendung.

Was haben Sie weiter vor mit Ihrer „Entdeckung“ des Baumpilzes?

Fabert: Ich sehe meine Arbeit bis jetzt als reine Grundlagenforschung. So versuche ich einfach die verschiedenen Ebenen, Material, Produktion, Anwendung und Anbau weiter zu vertiefen und hoffe, dass sich daraus weitere Möglichkeiten entwickeln. Ich möchte den Informationsaustausch mit designfremden Disziplinen wie der Mykologie, Biotechnologie, Forstwirtschaft und dem traditionelles Handwerk vertiefen und halte es für notwendig alle Bereiche, die den Zunderschwamm betreffen zu erforschen, um daraus ein wertvolles Produkt zu entwickeln. Außerdem ist es mir wichtig, die Stellung des Zunderschwamms als Parasiten und Schädlings zu entkräften.

Das Interview führte Frans Prins für Lilli Green

Lust auf nachhaltiges Design? Schau vorbei im Lilli Green Shop!

 

, , , , , , ,

Teile Dich mit!

Schreibe einen Kommentar