Es gibt Marken, deren Haltung sich nicht nur im Produkt, sondern im gesamten Denken widerspiegelt. Wildling ist eine davon. Seit jeher steht das Label für Minimalschuhe, die Gehen nicht als bloße Fortbewegung verstehen, sondern als unmittelbare Beziehung zwischen Körper, Material und Erde. Dünne Sohlen, flexible Konstruktionen, natürliche Materialien und die Idee, dem Boden möglichst unverstellt zu begegnen, prägen die Philosophie der Marke seit ihren Anfängen.
Umso überraschender wirkt der Faunus. Ein Schuh aus Leder. Genauer gesagt aus Hirschleder. Für ein Minimalschuh-label, das bislang vor allem auf pflanzliche und überwiegend vegane Materialien gesetzt hat, ist das ein Moment, der innehalten lässt. Was steckt hinter dieser Entscheidung? Und was bedeutet sie im Kontext nachhaltigen Designs?
Nähe zur Erde neu gedacht
Der Faunus bleibt auf den ersten Blick der bekannten Wildling-Haltung treu. Seine Konstruktion ist reduziert, fast mokassinartig. Kein Innenfutter, keine Verstärkungen, nichts, was den Fuß von seiner natürlichen Bewegung trennt.
Doch es ist das Material, das dem Schuh eine neue Dimension verleiht. Hirschleder bringt eine Qualität mit, die sich nicht nur sehen, sondern unmittelbar spüren lässt. Es ist weich, anschmiegsam und beinahe fließend in seiner Bewegung. Der Schuh passt sich nicht nur an den Fuß an, er folgt ihm. Gerade beim Gehen entsteht dadurch ein fast sockenartiges Tragegefühl, bei dem die Grenze zwischen Schuh und Körper zunehmend verschwimmt.
Gleichzeitig ist das Leder atmungsaktiv, temperaturausgleichend sowie schweiß- und feuchtigkeitsregulierend. Es kann Feuchtigkeit aufnehmen und wieder abgeben, wodurch ein ausgeglichenes Fußklima entsteht. Eigenschaften, die bei einem Minimalschuh entscheidend sind, weil sie das unmittelbare Erleben von Bewegung prägen. Die Nähe zur Erde, die Wildling seit jeher in den Mittelpunkt stellt, wird hier nicht unterbrochen, sondern auf eine neue Weise interpretiert.
Der Name Faunus ist inspiriert vom altitalischen Gott der Natur und des Waldes, der als Beschützer für Bauern und Hirten gilt. Als stiller Vermittler zwischen Mensch und Landschaft steht Faunus für ein ursprüngliches Verhältnis zur Natur. Eine Symbolik, die gut zur Philosophie von Wildling passt, deren Schuhe seit jeher auf Nähe statt Distanz setzen.


Wildling Faunus Mahagoni – (c) Wildling
Warum ausgerechnet Hirschleder?
Dass Wildling ausgerechnet mit Hirschleder arbeitet, wirkt zunächst wie ein Widerspruch zur eigenen Materialgeschichte. Die Antwort liegt allerdings weniger im Material selbst als in seinem Kontext. Das verwendete Leder stammt aus ökologisch regulierter Jagd. Es ist kein eigens produzierter Rohstoff, sondern Teil eines bestehenden Systems, in dem Tierhäute anfallen und häufig ungenutzt bleiben.
Genau hier setzt der gestalterische Ansatz des Faunus an. Es geht nicht darum, immer neue Materialien hervorzubringen, sondern vorhandene Ressourcen sorgfältiger und vollständiger zu nutzen. Nachhaltigkeit bedeutet in diesem Fall nicht nur Verzicht oder Ersatz, sondern auch die Frage, wie mit hochwertigen Materialien umgegangen wird, die bereits existieren.
Wenn Leder ohnehin entsteht, was bedeutet dann Verantwortung? Es gar nicht zu nutzen? Oder es bewusst, langlebig und transparent zu verarbeiten? Der Faunus gibt darauf keine einfache Antwort. Aber er stellt die richtige Frage.
Material als Ausgangspunkt einer Geschichte
Vertieft wird dieser Ansatz durch die Zusammenarbeit mit Alicia Linz. Die Designerin beschäftigt sich seit Jahren mit der Frage, warum so viele Tierhäute aus regionaler Jagd und Landwirtschaft ungenutzt bleiben. Mit ihrer Initiative Lokales Leder hat sie ein Netzwerk aufgebaut, das genau hier ansetzt: Materialien, die bislang oft als Abfall enden, mit Gerbereien, Handwerksbetrieben und neuen Abnehmer:innen zusammenzubringen. Was sie antreibt, ist kein romantischer Blick auf Leder, sondern ein Perspektivwechsel. Weg von makellosen Oberflächen und standardisierten Materialien hin zu einem bewussteren Umgang mit dem, was bereits vorhanden ist.


Alicia Linz (Lokales Leder) und Nina Conrad (Supply Chain Specialist, Regionales leder) – (c) Bilder: Sarah Pabst
In der Zusammenarbeit mit regionalen Partner:innen, traditionellen Gerbereien und lokalen Materialkreisläufen entsteht so ein Verständnis von Design, das sich weniger an ständigem Neuerfinden orientiert als an der sorgfältigen Weiterverwendung bestehender Ressourcen. Gerade darin liegt der regenerative Gedanke dieses Ansatzes. Der Faunus eröffnet damit auch einen differenzierteren Blick auf tierische Materialien, besonders dort, wo sie bislang ungenutzt bleiben und als Ressource verloren gehen.
Kleine Narben, Unregelmäßigkeiten oder natürliche Spuren bleiben erhalten und werden nicht künstlich kaschiert. Das Leder erzählt seine Herkunft weiter. Gerade dadurch entsteht eine neue Form von Ästhetik. Eine, die nicht auf Perfektion basiert, sondern auf Echtheit und Charakter.

Anna Yona (Gründerin Wildling), Johannas Renz (Gerberei Renz), Nina Conrad (Supply Chain Specialist, Regionales leder) und Alicia Linz (Lokales Leder) – (c) Bild: Sarah Pabst
Handwerk als verbindende Ebene
Verarbeitet wird das Leder in der familiengeführten Gerberei Renz in Süddeutschland. Die Gerbung erfolgt pflanzlich mit Baumrindenextrakten über mehrere Wochen hinweg. Ein langsamer Prozess, der Zeit, Erfahrung und handwerkliche Präzision verlangt. Diese Langsamkeit ist Teil der Qualität. Sie bewahrt die natürlichen Eigenschaften des Materials und steht im deutlichen Kontrast zu industriellen Schnellverfahren, bei denen Leder häufig stark versiegelt oder chemisch behandelt wird.
Gefertigt wird der Schuh schließlich in Portugal. In sorgfältiger Handarbeit, mit einem klaren Fokus auf Funktion und Reduktion. Jeder Schritt folgt der Idee, das Material nicht zu überformen, sondern es wirken zu lassen.

Johannas Renz, Christoph Renz (Gerberei Renz) – (c) Bilder: Sarah Pabst
Ein bewusster Widerspruch
Der Faunus ist kein kompromissloses Produkt im klassischen Sinne. Er ist ein bewusster Widerspruch. Ein Minimalschuh aus Leder. Ein naturnahes Produkt, das die Debatte um Materialien nicht vermeidet, sondern sichtbar macht. Gerade darin liegt seine Relevanz. Denn nachhaltiges Design bedeutet nicht immer, einfache oder eindeutige Lösungen zu liefern. Es bedeutet auch, Ambivalenzen auszuhalten und bestehende Kategorien neu zu betrachten.
Der Wildling Faunus zeigt, dass Nachhaltigkeit manchmal dort beginnt, wo man genauer hinsieht. Nicht nur auf das Material selbst, sondern auf seine Herkunft, seine Verarbeitung und seinen Wert innerhalb eines größeren Kreislaufs. Genau darin liegt die besondere Qualität dieses Schuhs. Nicht in der Behauptung, die perfekte Antwort gefunden zu haben, sondern in der Bereitschaft, den Blick auf Materialien, Konsum und Verantwortung neu auszurichten.
