Mit dem Strohhaus NOW Lindow hat Architekt Alessandro Tonnarelli ein Gebäude geschaffen, das ohne Beton auskommt, CO₂ speichert und konsequent auf kreislauffähige Materialien setzt. Im Gespräch mit Lilli Green erzählt er, warum Stroh für ihn weit mehr als ein alternativer Baustoff ist, welche Rolle Permakultur in seiner Arbeit spielt und weshalb nachhaltiges Bauen künftig stärker auf biologische Materialien setzen sollte.
Während Holz als nachhaltiges Baumaterial längst in der Mitte der Architektur angekommen ist, bleibt Stroh für viele noch immer ein Nischenmaterial. Dabei wird der landwirtschaftliche Reststoff seit Jahren erfolgreich als Dämmstoff eingesetzt und gilt als besonders ressourcenschonend: regional verfügbar, schnell nachwachsend und in der Lage, Kohlenstoff langfristig zu speichern.
Mit dem Haus NOW Lindow in Brandenburg zeigt der Architekt Alessandro Tonnarelli, Gründer des Berliner Büros strohtektur, wie sich diese Potenziale in zeitgenössische Architektur übersetzen lassen. Das Ferienhaus wurde weitgehend aus Holz, Stroh, Lehm und Kalk errichtet, verzichtet auf ein Betonfundament und versteht sich als Teil eines größeren Gedankens: einer Baukultur, die Materialien nicht verbraucht, sondern in Kreisläufen denkt.
Tonnarelli ist nicht nur Architekt, sondern auch Permakulturdesigner. Im Interview spricht er über seinen Weg zum Strohbau, die Grenzen des Holzbaus, die Rolle natürlicher Materialien für das Raumgefühl und seine Vision einer Architektur, die nicht gegen die Natur arbeitet, sondern Teil von ihr wird.


Außen Holz, innen Lehm und Stroh: Casa Tonnarelli in Lindow, Brandenburg
Interview mit Alessandro Tonnarelli
Ihr Weg zum Strohbau wirkt sehr bewusst gewählt. Gab es einen Moment oder eine Erfahrung, die Ihre Haltung zum Bauen grundlegend verändert hat?
Ich komme aus der Planung, aber auch aus der Permakultur. Dort lernt man, natürliche Ökosysteme zu beobachten und deren Kreisläufe in Gestaltung zu übersetzen. Dabei stehen nicht Einzelmaßnahmen im Vordergrund, sondern Beziehungen. Als ich das erste Mal über Stroh als Baumaterial erfahren habe, war mir klar: Das ist kein „alternativer“ Baustoff, sondern DER Baustoff. Kosten, Einfachheit, Verfügbarkeit und für mich vor allem die CO₂-Bilanz haben mich überzeugt. Stroh ist das Baumaterial, das am meisten CO₂ speichert. Ab diesem Moment war klar: Ich möchte nicht nur nachhaltiger bauen, sondern
ökologische Bauweisen zu entwickeln, die Ressourcen schonen und wiederverwendbar bleiben.
Was fasziniert Sie persönlich bis heute am Arbeiten mit Stroh?
Mich faszinieren die Einfachheit und die Leistungsfähigkeit des Materials. Stroh ist ein Nebenprodukt, das überall wächst, und gleichzeitig ein schnell nachwachsender Naturbaustoff, der ohne Zusätze oder Chemikalien eingebaut wird und hervorragende bauphysikalische Eigenschaften besitzt. Und dann ist die Atmosphäre in Kombination mit Lehm: Räume fühlen sich warm und ruhig an. Lehm wird direkt verputz auf Stroh angebracht, und man merkt sofort, dass die Materialien nicht gegen die Natur arbeiten, sondern mit ihr.
In Ihren Projekten geht es viel um Kreislaufdenken. Was bedeutet für Sie „zirkuläres Bauen“ ganz konkret? Und welche Rolle spielt dabei Ihr Hintergrund im Permakulturdesign?
Zirkuläres Bauen bedeutet für mich, Materialien so zu wählen, dass sie keine Schäden hinterlassen oder wieder in natürliche oder technische Kreisläufe zurückkehren können, ohne Downcycling oder Sondermüll. Die Permakultur hat mich gelehrt, in Kreisläufen, Beziehungen und Konsequenzen zu denken. Ein Gebäude ist kein Objekt, sondern ein Ökosystem. Stroh, Holz, Lehm sowie Kalk, Kork, Hanf oder Schafswolle verhalten sich wie lebendige Systeme: Sie regulieren Feuchtigkeit, altern würdevoll und können am Ende wieder in den Boden zurückkehren.


Bauen mit Lehm, Holz und Stroh: Casa Tonnarelli in Lindow, Brandenburg
Sie sprechen davon, Holz gezielt und sparsam einzusetzen. Hat sich Ihre Sicht auf den Holzbau durch aktuelle Entwicklungen oder Forschung verändert?
Holz ist ein sehr wertvoller Baustoff, aber wir verbrauchen ihn oft, als wäre er unbegrenzt verfügbar. Die Forschung zeigt zunehmend, dass der Wald unseren Baustoffhunger langfristig nicht decken kann, ohne Schaden zu nehmen. Deshalb setze ich Holz dort ein, wo es wirklich Sinn ergibt: als Tragwerk, als präzises Bauteil und als langlebige Struktur. Für Dämmung, Gebäudehülle und Speichermasse gibt es regenerativere Alternativen, und Stroh ist eine davon. Lehm oder Kalk bilden dann die schützende Oberfläche. Viele Materialien tragen gemeinsam zum Ziel bei.
Sehen Sie Strohbau eher als Ergänzung zum Holzbau oder als eigenständige Baukultur mit eigener Logik?
Strohbau ist zu 90 Prozent Holzbau, ergänzt diese Bauweise aber hervorragend und entlastet gleichzeitig die Waldwirtschaft. Darüber hinaus besitzt der Strohbau eine eigene Baukultur mit spezifischen Details und einer eigenen Marterialcharakter. Stroh ist diffusionsoffen, kapillaraktiv, CO₂-negativ, regional verfügbar und angenehm warm. Damit ergänzt es den Holzbau um eine breitverfügbare und klimapositive Komponente.
Wie wird Stroh als Baustoff gewonnen und ausgewählt? Gibt es dabei auch ökologische Grenzen oder Aspekte, die kritisch betrachtet werden müssen?
Stroh entsteht jedes Jahr neu als Nebenprodukt der Getreideernte. Für den Bau wird es gepresst und geprüft. Laut Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe kann mit dem jährlichen Überschuss an Stroh die Dämmung von rund 350.000 Einfamilienhäusern realisiert werden. Die Potenziale sind groß und werden noch größer, wenn Stroh regional bleibt und möglichst aus ökologischer Landwirtschaft stammt.
Welche Rolle spielt Stroh für Sie in der Gestaltung von Raum? Wie verändert das Material Ästhetik, Atmosphäre und Wohngesundheit?
Stroh als schwere Dämmung verbessert sowohl den winterlichen Wärmeschutz als auch den sommerlichen Hitzeschutz. Durch seine Masse trägt es außerdem zu einem besseren Schallschutz bei. Der direkte Lehmputz schafft Tiefe, Ruhe, eine gesunde Luftqualität und eine angenehme Akustik. Stroh ermöglicht eine ehrliche, reduzierte Architektur mit klar lesbaren Schichten. Es entsteht ein Raumgefühl, das viele Menschen als entschleunigend beschreiben.



Casa Tonnarelli in Lindow, Brandenburg
Beim Projekt NOW Lindow haben Sie bewusst auf Beton verzichtet. Was waren die entscheidenden Überlegungen hinter dieser Entscheidung und wo lagen die Herausforderungen?
Die Entscheidung war konsequent: Wenn wir ein wirklich klimapositives Gebäude bauen wollen, können wir nicht mit Beton beginnen. Wir haben uns deshalb für Schraubfundamente entschieden, weil sie reversibel, leicht und kreislauffähig sind. Bei Statik, Lastabtragung sowie im Austausch mit Behörden und Ausführenden gab es keine Schwierigkeiten. Das Gebäude steht auf einem Fundament, das den Boden nicht zerstört und am Ende seines Lebenszyklus wiederverwendet werden kann, ohne Schäden zu hinterlassen.
Was war beim Bau von NOW Lindow schwieriger als erwartet und gibt es etwas, das Sie heute anders lösen würden?
Die größte Herausforderung war, wie auf jeder Baustelle, die Koordination zwischen den Gewerken. Zusätzlich bringt der Strohbau ein größeres Rastermaß mit sich, wodurch sich der Holzanteil weiter reduzieren lässt. Die Bauweise verfügt bereits über viele Vorbilder und ist seit mehr als zehn Jahren zugelassen, muss aber im breiten Publikum noch stärker ankommen. Ich finde es immer wieder spannend, mit den Ausführenden über dieses Material und die Möglichkeiten einer ökologischen Bauweise ins Gespräch zu kommen.
Wenn Sie auf die Entwicklung schauen: Ist Strohbau noch Nische oder erleben wir gerade den Beginn einer neuen Phase im Bauen? Und was braucht es, damit er wirklich skaliert?
Wir stehen an einem Übergang. Strohbau ist noch eine Nische, aber mit Projekten wie dem viergeschossigen Mehrfamilienhaus Querbeet in Lüneburg, den DISKO-Sanierungen öffentlicher Schwimmbäder in Oberhausen, dem zwölfgeschossigen ETC Hyllie in Malmö oder dem Logistikzentrum LCW von Bestseller, bei dem Strohwände in der Größe von sieben Fußballfeldern verbaut wurden, ist die Dynamik enorm. Dank standardisierter Systeme, industrialisierter Vorfertigung und politischer Rahmenbedingungen, die CO₂-Speicherung belohnen, wird Strohbau zunehmend in die Mitte der Bauwirtschaft rücken.
Wenn alle Rahmenbedingungen frei wären, welches Projekt würden Sie am liebsten mit Stroh realisieren?
Eine energetische Sanierung eines urbanen, mehrgeschossigen Wohngebäudes. Damit ließe sich zeigen, dass Stroh nicht nur für Einfamilienhäuser geeignet ist. Mich interessiert ein Projekt, das Stroh, Holz, Lehm und Permakultur verbindet und dabei echte Ökologie mit einer konsequenten Kreislaufstrategie vereint.
Was ist Ihre persönliche Vision für eine wirklich nachhaltige Architektur und wie könnte das Bauen der Zukunft aussehen?
Eine Architektur, die nicht gegen die Natur arbeitet, sondern Teil von ihr wird. Gebäude, die CO₂ speichern statt ausstoßen. Materialien, die wieder zu Erde werden. Räume, die Menschen beruhigen statt überreizen. Und eine Baukultur, die Verantwortung übernimmt: für Böden, für Ressourcen und für kommende Generationen. Das Bauen der Zukunft ist biologisch, regional und regenerativ. Und es ist jetzt machbar. Dafür steht mein Ansatz „NOW für die Zukunft“: jetzt nachhaltig, ökologisch und wiederverwendbar bauen!


Gründach, Interior und Außenansicht Casa Tonnarelli in Lindow, Brandenburg
Strohbau gestaltet die regenerative Zukunft
Die Aussagen von Alessandro Tonnarelli zeigen, dass Strohbau heute weit mehr ist als eine ökologische Nischenlösung. Vielmehr steht er exemplarisch für eine Entwicklung, die sich in vielen Bereichen nachhaltiger Architektur beobachten lässt: die Rückbesinnung auf natürliche Materialien, regionale Rohstoffe und Gebäude, die als Teil größerer Kreisläufe gedacht werden.
Dabei geht es nicht nur um die Frage, wie viel Energie ein Haus im Betrieb verbraucht. Zunehmend rückt in den Fokus, welche Ressourcen bereits beim Bau eingesetzt werden, wie langlebig Materialien sind und ob sie sich später wiederverwenden oder in biologische Kreisläufe zurückführen lassen. Konzepte wie die Kreislaufwirtschaft im Bauwesen gewinnen deshalb ebenso an Bedeutung wie nachwachsende Baustoffe und eine ressourcenschonende Planung.
Gleichzeitig wächst das Interesse an alternativen Wohn- und Bauformen, die nicht auf immer größere Flächen und einen steigenden Materialverbrauch setzen, sondern auf Suffizienz, Anpassungsfähigkeit und einen bewussteren Umgang mit Ressourcen. Ob kleine Häuser, gemeinschaftliche Wohnprojekte oder neue Ansätze des regenerativen Bauens: Viele dieser Entwicklungen verfolgen ähnliche Ziele wie der Strohbau und sind Ausdruck eines grundlegenden Wandels hin zu ressourcenschonenderen Formen des Wohnens und Bauens. Ein zentraler Baustein dieser Entwicklung ist die Wiederentdeckung natürlicher Materialien.
Bauen mit der Natur statt gegen sie
Die Idee, lokale Naturmaterialien wieder stärker in die Architektur zu integrieren, begegnet uns an vielen Stellen. Neben Stroh rücken beispielsweise Lehm, Seegras, Hanf oder wiederverwendetes Holz in neuen Kombinationen in den Mittelpunkt. Dass diese Materialien keineswegs Relikte vergangener Baukulturen sind, sondern innovative Antworten auf aktuelle Herausforderungen liefern können, zeigte bereits unser Interview mit dem Architekten und Architekturprofessor Gernot Minke über ökologisches Bauen mit Lehm und Stroh aus dem Jahr 2015.
Projekte wie NOW Lindow machen sichtbar, wie sich diese Ideen in zeitgenössische Architektur übersetzen lassen. Sie verbinden Materialkreisläufe, Wohngesundheit, Ressourcenschonung und gestalterische Qualität zu einem ganzheitlichen Ansatz. Ob Strohbau künftig den Sprung aus der Nische schafft, bleibt offen. Die wachsende Zahl realisierter Projekte deutet jedoch darauf hin, dass biobasierte Baustoffe und kreislauffähige Bauweisen künftig eine deutlich größere Rolle spielen könnten. Nicht als Rückschritt, sondern als Weiterentwicklung einer Architektur, die wieder stärker mit natürlichen Systemen arbeitet, statt gegen sie.